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Vizekanzler – mehr Schein als Sein

[Am 20.4.2026 parallel auf dem Autoren-Blog starke-meinungen.de veröffentlicht] Immer häufiger begegnet uns in Medien und Politik die Bezeichnung „Vizekanzler“. Journalisten verwenden den Titel inzwischen nahezu inflationär – und Politiker greifen ihn dankbar auf. Denn es macht einen Unterschied, ob man als Minister XY auftritt oder mit dem Anschein des Kanzleramts versehen ist. Das gilt auch für das Umfeld: Wirkt ein Kontakt zum „Vizekanzler“ nicht bedeutender als einer zu Minister XY? Tatsächlich jedoch existiert dieser Titel offiziell gar nicht.  Der Begriff „Vizekanzler“ ist in keinem deutschen Gesetz verankert – nirgendwo. Lediglich im Grundgesetz findet sich ein Hinweis auf das, was gemeint ist. In Artikel 69 Absatz 1 heißt es: „Der Bundeskanzler ernennt einen Bundesminister zu seinem Stellvertreter.“ Mehr ist dazu nicht festgelegt. Näheres regelt allein die Geschäftsordnung der Bundesregierung. Dort heißt es sinngemäß, der Stellvertreter übernehme die Aufgaben des Bundeskanz...

Krankfeiern, aber kandidieren

[Am 14.4.2026 parallel auf dem Autoren-Blog starke-meinungen.de veröffentlicht] Der Fall der Berliner SPD-Politikerin Uta Francisco dos Santos steht sinnbildlich für das, was im deutschen Sozialsystem aus dem Ruder gelaufen ist. Zum Sozialsystem zählen neben der gesetzlichen Sozialversicherung auch steuerfinanzierte Leistungen wie Bürgergeld und Sozialhilfe. Überzogene Leistungsversprechen machen das System zunehmend unfinanzierbar. Zudem zeigen Missbrauchsfälle deutlich, wie anfällig es ist.    Im Fall der SPD-Politikerin Francisco dos Santos ist bekannt, dass sie sich knapp zwei Jahre lang krankschreiben ließ. Der Grund dafür sollen nicht körperliche, sondern psychische Beschwerden gewesen sein. Diese hinderten sie anscheinend nicht daran, parallel politisch in der SPD aktiv zu sein. Bereits im November 2025 ließ sich Francisco dos Santos zur Spitzenkandidatin für die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte wählen und damit indirekt auch zur Kandidatin für das Am...

Der erste Nazi und sein erster Feind

[ Estmals am 7.4.2026 auf dem Autoren-Blog  starke-meinungen.de veröffentlicht ] Zehn Jahre alt und kein bisschen veraltet: So lässt sich Stefan Austs Buch  „ Hitlers erster Feind – Der Kampf des Konrad Heiden “  aus dem Jahr 2016 beschreiben.  Die Nazis sind wieder da – das ve rmitteln uns zumindest das linke politische Spektrum und die Medien, die sich diesem Lager verbunden wissen. Der sogenannte „Kampf gegen rechts“ ist allgegenwärtig, wobei „rechts“ häufig mit „Nazi“ gleichgesetzt wird. Es ist ein eifernd geführter Kampf – die eigene moralische Gipfellage stets im Blick. Der tatsächliche Kampf gegen die Nazis wurde vor Jahrzehnten geführt. Und der war lebensgefährlich!  In seinem Buch über Konrad Heiden skizziert Aust die historischen Nazis und Heidens frühen Widerstand gegen sie. Es ist keine Biografie im strengen Sinne, sondern eher eine historische Erzählung mit Heiden als zentraler Figur. Wer war Konrad Heiden? Er war Journalist und – wie der Buchtitel...

Wo bleibt das Positive?

[Estmals am 5.4..2026 auf dem Autoren-Blog  starke-meinungen.de veröffentlicht ] „Wo bleibt das Positive?“, wurde Erich Kästner oft gefragt. Hier ist es: ein kurzes Erlebnis zu nachtschlafender Zeit. Träum ich oder wach ich?, war die Frage. Denn wie aus dem Nichts fiel mir im Schlaf eine uralte Begebenheit ein, die bereits drei Jahrzehnte zurückliegt. Das menschliche Gehirn ist ein wahrer Zauberkasten. Doch der Reihe nach. Ein Missverständnis Es war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. In meiner damaligen Position als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung fanden sich auf meinem Schreibtisch gelegentlich auch Zuschriften aus jüdischen Gemeinden. In einem solchen Brief beklagte sich einmal eine vermutlich ältere Dame über eine zunehmende Geringschätzung von Juden. Als Beispiel führte sie den Song der Beatles „Hey Jude“ an. Sie missverstand den Titel offenbar als despektierliche Ansprache an einen Juden. Ich fragte mich, wie ein solches Missverständnis selbst zwan...

Die Linkspartei und Israel

[Estmals am 31.3.2026 auf dem Autoren-Blog  starke-meinungen.de veröffentlicht ] Wer in Kreisen sogenannter Kulturschaffender etwas auf sich hält, übt Kritik an Israel; in migrantischen, sprich muslimischen Milieus gilt dies ohnehin. Das Zauberwort in der Kultur- und Linksszene lautet derzeit „Antizionismus“. Der Begriff klingt weniger anstößig als dessen unschöner Verwandter Antisemitismus. Seit Kurzem hat dieser dezidierte Antizionismus in Deutschland auch eine politische Herberge: in der Partei „Die Linke“. Deren niedersächsischer Landesverband erklärte sich jüngst mit nicht geringem Stolz zum „ersten antizionistischen Landesverband“ der Partei. Prominentestes Mitglied dort ist die Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Heidi Reichinnek. Doch was bedeutet Antizionismus eigentlich – und was geschieht derzeit bei den Linken? Der Zionismus Der Zionismus (ohne das „Anti“) bezeichnete ursprünglich den Wunsch nach einer Heimstatt für Juden in Palästina. Als der Begriff Ende des 19. Ja...

Ray Davies und Bob Dylan: Hidden Champion und Kultfigur

[Estmals am 17.3.2026 auf dem Autoren-Blog  starke-meinungen.de veröffentlicht ] Bob Dylan kennt jeder – zumindest dem Namen nach. Der einzige Mensch auf diesem Planeten, der Bob Dylan tatsächlich kennt, dürfte jedoch Bob Dylan selbst sein. In Anspielung auf sein unergründliches Wesen und den damit verbundenen Kultstatus brachte ihm das im Laufe der Zeit den ironischen Spitznamen „His Bobness“ ein.  Nichts davon trifft auf Sir Raymond Douglas Davies zu. Der Londoner Ray Davies, wie er sich selbst nennt, ist der Kopf der Pop- und Rockband The Kinks und seit dem Ende der Band auf Solopfaden unterwegs. Er ist der  „ Hidden Champion “  der Popwelt – ein Künstler der Spitzenklasse mit einem gewaltigen Œuvre bei vergleichsweise geringer Bekanntheit. Und das ist schreiend ungerecht. Ray Davies und Bob Dylan sind Musiker und Texter derselben Generation. Der Engländer Davies, geboren 1944, ist Songschreiber, Sänger, Gitarrist und Produzent der Kinks. Robert Allen Zimmerman, w...

Die Sechziger: Panorama eines Jahrzehnts (1/3)

1960 bis 1963 – 1964 bis 1966 – 1967 bis 1969 [Erstmals am 24.2.2026 auf dem Autoren-Blog starke-meinungen.de veröffentlicht]  Kein Jahrzehnt gleicht dem anderen – geschenkt. Doch die Sechziger markieren mehr als nur eine weitere Etappe der Nachkriegsgeschichte. In dieser – gemessen an einem Menschenleben – kurzen Epoche ballen sich politische Umbrüche, gesellschaftliche Aufbrüche und technologische Neuerungen in einem Ausmaß, gegen das spätere Dekaden fast verblassen. Einige dieser damaligen Geschehnisse habe ich aus der Erinnerung wiederbelebt, aktuell nachrecherchiert und auf ihren Kern verdichtet. Die Schilderungen stammen aus der Perspektive eines in Bonn lebenden Westdeutschen; für diese Einseitigkeit bitte ich Ostdeutsche um Nachsicht. Nun denn: ein Jahrzehnt wird besichtigt.  ≡≡≡ 1960 ≡≡≡   Neujahrstag 1960. Das zweite Nachkriegsjahrzehnt beginnt. Die Deutschen leben weiter im sogenannten Wirtschaftswunder. Es herrscht Vollbeschäftigung, die Wirtschaft wächst, de...