Ein Lob des Twitterns

[Dieser Artikel wurde erstmals 2015 veröffentlicht]

Twitter ist für alle da. Dort tummeln sich Sören und Karl-Heinz, Nele und Ursula ebenso wie Katrin Doppel-Name und Ralf Pöbel-Ralle oder der Papst und Trump. Manche mit ihrem Klarnamen, viele unter einem Pseudonym. Und sie alle müssen sich beim Twittern beschränken – auf 140 Zeichen.

Verstecken können sich Twitterer allenfalls hinter ihrem Pseudonym. Ansonsten ist alles transparent. Jeder kann alles von jedem sehen (so denn der Inhaber des Twitter-Accounts diesen nicht für die Allgemeinheit gesperrt hat). Nahezu ein Idealzustand für alle, die fehlende Transparenz in anderen Bereichen des Lebens gerne bemängeln.

Das, was getwittert wird, ist so unterschiedlich wie Menschen halt sind. Da wetteifern einige um die Banalität des Tages, andere wollen mit zwei Sätzen die Welt ändern oder gleich retten. Die Eifrigsten enttarnen jeden Tag die Misere dieser Welt und weisen jeden rüde zurecht, der womöglich eine abweichende Meinung hat. Insoweit, alles wie im richtigen Leben.

Spätestens seit Silvester 2015 ist Twitter in Deutschland aber auch ein Faktor im öffentlichen Meinungsbildungsprozess. Bis auf wenige Ausnahmen versuchten die TV- und Radiosender sowie die Tageszeitungen die kriminellen Übergriffe arabischer Einwanderer auf der Kölner Domplatte zu verschweigen. Erst die Twitter-Meldungen (und Facebook-Einträge) vieler Augenzeugen zwangen die Medien, ihr kollektives Schweigen zu beenden.

Augenzeugenberichte sind aber eher Ausnahmen. Denn zumindest die Twitterer, die sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen beschäftigen, bleiben auf die Medien angewiesen, weil sie zumeist auf sie reflektieren - im Positiven wie im Negativen. Besonders beliebt ist das Verlinken von Presseartikeln. Entweder mit dem vorgefertigten Twitter-Text der Redaktionen oder, ambitionierter, mit selbstformulierten Hinweisen auf den verlinkten Artikel.

Das Bestechende an Twitter ist der Zwang zur Kürze: Das Gebot, eine Aussage in maximal 140 Zeichen unterzubringen. Dies erfordert gedankliche Disziplin, das Beschränken auf den Kern einer Überlegung. Redundanz und Geschwätzigkeit haben darin keine Chance – zum Vorteil der Leser. Der gelegentliche Spott über Twitterer, sie seien wohl nicht in der Lage, längere Gedankengänge zu formulieren, relativiert sich vielleicht unter diesem Aspekt.

Geradezu vorbildlich lakonische Tweets sind die oft kurzen und knackigen Twitter-Einwürfe des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz, die er unter seinem Klarnamen @NorbertBolz veröffentlicht. Bolz ist ein Meister in der Tradition des leider früh verstorbenen Journalisten Johannes Gross. Bolz twittert oft mehrere Tweets hintereinander; seine prägnanten Gedankenblitze stehen dann quasi Schlange.

Das Formulieren einer Aussage für das Twitter-Zwangsbett dauert, zugegeben, dann und wann etwas länger als die Kürze des Textes vermuten lässt. Auf den Punkt bringt dieses Phänomen der herrliche Aphorismus von Blaise Pascal: „Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben."

Gewiss, der Zwang zur eng limitierten Kürze schmeckt nicht jedem. Wen die Platznot bei Twitter in seinen Ausdruckswünschen zu sehr einengt, beschenkt die Welt mit seinen Anschauungen und Bekenntnissen in längeren Texten auf Facebook oder Blogs wie diesen.

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