Wenn die „Zeit“ dem Volk aufs Maul schaut

[Dieser Artikel wurde erstmals 2017 veröffentlicht]

Drei Journalisten von „Zeit Online“ haben vor einigen Tagen ein YouTube-Video angesehen. Die drei Medienleute staunten über die Unfähigkeit der beiden Protagonisten, ein Gespräch zu führen. Deshalb haben sie das Gespräch kurzerhand zum Nachlesen und Besprechen in Schriftform gebracht.

Das Video zeigt die verbalen Attacken einer Dresdner Bürgerin gegen Sachsens SPD-Chef Martin Dulig. Ausgangspunkt war eine sogenannte Kunstaktion auf dem Dresdner Neumarkt: drei senkrecht aufgestellte, ausrangierte Linienbusse. Vorbild waren drei von salafistischen Islamisten hochkant aufgestellte Busse in Aleppo, die als Schutz vor gegnerischen Scharfschützen dienen sollten. Indem Bürger der Stadt Dresden zur Betrachtung dieser geschmacklosen Nachahmung genötigt werden, solle ein Zeichen für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit gesetzt werden. Eine abstruse Monstrosität als Fanal des Gutmenschentums.

Die Dresdnerin in dem Video sieht das wohl ebenso. Sie betrachtet den Politiker Dulig als mitverantwortlich für die 57.000 Euro teure, provokante „Kunstaktion“ in ihrer Stadt. Die Empörung der Frau ist überbordend. Ihre Vorhalte gegen Dulig werden zu einer allgemeinen Abrechnung mit Politik und Medien, die ihresgleichen als „Nazis“ oder als „Pack“ zu diskreditieren versuchen. Dulig gelingt es nur, Satzfragmente entgegenzusetzen. Ein Dialog kommt nicht zustande.

„Zeit Online“ verwendet die Methode, einfache Bürger wortgetreu wiederzugeben. Die Absicht dahinter ist klar: Der in öffentlicher Rede ungeübte Bürger soll bloßgestellt werden. Das ist insofern infam, als jedem Politiker oder Prominenten nach Interviews zugestanden wird, die zu Papier gebrachten mündlichen Äußerungen gegenzulesen. Das heißt: Das gesprochene Wort kann in Ruhe überdacht, unbedachte Äußerungen können korrigiert oder auch gestrichen werden. Nicht-Prominenten wird diese Möglichkeit verwehrt.

Die drei „Zeit“-Journalisten widmen sich in diesem Sinne anschließend ihrem Transkript und formulieren ihre Gedanken dazu, also ihre Deutungen des misslungenen Gesprächs. Der Älteste von ihnen, Johann Michael Möller, formuliert noch moderat. Er beklagt den fehlenden wechselseitigen Respekt und sieht beide Kontrahenten in ihren Rollen verfangen. Treffend benennt er den Sozialarbeiter-Gestus von Dulig, der die Frau immer wütender werden lässt.

Die 40-jährige Jana Hensel dagegen setzt auf grobe Schmähung. Sie findet Duligs freche Bemerkung, sein Gegenüber, die Dresdnerin, wolle nur „Müll abkippen“, „einen schönen Satz“. Und sogleich ergießt sich ihr ganzer Groll in Varianten zu dem Begriff „Müll“. Hensel schreibt: „Ihr Müll sind Worte, seit mehr als zwei Jahren wird dieser Müll nun bereits in Dresden und anderswo auf die Straße gekippt. Wütender Wortmüll, verallgemeinernder Wortmüll, diskriminierender Wortmüll und auch geschichtsklitternder Wortmüll, der leider oft entsteht, wenn mehr als fünf Deutsche anfangen, über den Krieg zu reden.“ Eine Deutung, die den Zorn der Dresdnerin im Nachhinein nur allzu berechtigt erscheinen lässt.

Die Endzwanzigerin Anne Hähnig beklagt in ihrer Lesart des Videos die medialen Verhältnisse, die einem ernsthaften Gespräch heute im Wege stünden. Stichwort: Handyvideos, die ihren Weg sogar bis in die TV-Nachrichten fänden. „Die Frau reflektiert das sogar“, meint Hähnig und unterstellt der Dresdnerin einen kalkulierten Auftritt für die große Öffentlichkeit. Auch sonst lässt die Journalistin keinen Zweifel an ihrer eher abschätzigen Meinung über die weibliche Protagonistin des Videos aufkommen.

Aus den Notizen der „Zeit“-Journalisten wird ein Ressentiment gegen einfache Leute deutlich. Das wundert nicht, denn die Wochenzeitung bedient die akademische Oberschicht im Lande – und die ist links. Schießt die Redaktion übers Ziel hinaus, folgt im Nachhinein eine selbstkritische Einschätzung des Chefredakteurs. So wie in der sogenannten Flüchtlingsfrage, als Chefredakteur di Lorenzo die Medien und das eigene Blatt als „Mitgestalter statt Beobachter“ sah. Motto: Wir haben verstanden, wir bessern uns. Dass dem nicht so ist, zeigt das frenetische journalistische Dauerfeuerwerk gegen US-Präsident Trump. Die retrospektive Selbstkritik darüber kommt aber bestimmt, vielleicht nächstes Jahr. Oder übernächstes? 

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